Veranstaltung war am: 09.02.2024 15:00 - 11.02.2024 15:30


Islam und Christentum – Eine gewachsene Beziehung

Die diesjährige Islam-Tagung war dem Thema ‚Islam und Christentum – eine gewachsene Beziehung‘ gewidmet. Dreißig Personen nahmen an der Veranstaltung teil, darunter elf Mitglieder eines Familiengesprächskreises.

Im siebten Jahrhundert begegneten Christen auf der Arabischen Halbinsel und im Nahen Osten der sich formierenden neuen Weltreligion, dem Islam. Seit dieser Zeit entwickelten sich beide Religionen in einer Beziehung zueinander: im Streit und Disput, wie auch im Austausch und im Dialog. Mal wurden die Konturen der eigenen Identität und eines Wahrheitsanspruches in Absetzung zu dem Anderen geschärft, mal wurden Brücken zu einer gemeinsamen Auffassung des göttlichen Willens für die Welt gebaut. Mit ihrem jeweiligen Bekenntnis zum einen Gott und einer Heiligen Schrift als normative Urkunde blicken beide Religionen auf gemeinsame Wurzeln ihrer Entstehung und Entwicklung.

In der ersten Einheit führte Bilgehan Asena Ayvaz vom Zentrum für Islamische Theologie der Universität Münster in die Bedeutung des Korans als Offenbarungsschrift im Islam ein und unterschied dabei zwischen einer traditionellen und einer modernen kontextuellen Auffassung des nidergeschriebenen Offenbarungsgeschehens. Vor diesem Hintergrund erörterte sie anschließend die Bezeichnung Jesu als ‚Wort von Gott‘ bzw. ‚Wort Gottes‘ an drei Stellen im Koran (Q 3:39.45; 4:171) als eine Formulierung mit bisher unerkanntem Potential für den christlich muslimischen Dialog.

Am Abend sprach die aus Ramallah online zugeschaltete Dozentin der Hebräischen Universität in Jerusalem, Dr. Hannelies Koloska, über die in jüdischer, christlicher und islamischer Rezeption der Jona-Geschichte wiederkehrenden gemeinsamen existentiellen Fragen und Motive in Wort- und Bildform. Der Sinn des Lebens, Fragen um Tod und Auferstehung, die Erhörung des Gebets, die rechte Umkehr und Buße, das Wesen Gottes und die Flucht vor Gott – all diese Motive wiederholen sich in Schriften und in der Kunst der Religionen rund um die Jona-Geschichte. Angesichts dieses bezeichnenden Befunds könnten die drei monotheistischen Religionen auch als ‚Jonaitische Religionen‘ bezeichnet werden. „Keine Angst vor kulturellen Aneignungen!“, schlussfolgerte die Referentin am Ende des Vortrags.

Der zweite Tag begann mit einem christlichen Blick auf den Koran als Wort Gottes. Dr. Cordula Heupts von der Universität Bonn zeigte eine ästhetische Dimension der Koranrezitationen auf, in der sich die Schönheit Gottes für die Zuhörer jenseits des reinen Textsinns offenbart. Anschließend diskutierte sie mit den Teilnehmenden über Parallelen zu dieser islamischen Offenbarungsform in christlicher Wahrnehmung der Schönheit Gottes. Ist es die geistliche Musik? Oder können Christen die Herrlichkeit des Schöpfers im Gedanken der bedingungslosen Hingebung Christi um des Menschen willen erkennen? Ist es für Christen möglich, die Nähe der durch Christus wahrgenommenen Zuwendung Gottes auch in einer Koranrezitation spüren? –  fragte die Referentin zum Abschluss der Diskussion. Es bleibt eine hervorragende Denkaufgabe zum Nacharbeiten der präsentierten Inhalte.

Am Nachmittag analysierte Prof. Dr. Thomas Lemmen aus der Katholischen Hochschule NRW in Köln die Fortschritte in Beziehungen zwischen der Katholischen Kirche und dem Islam sowie die Entwicklung des christlich-islamischen Dialogs in Deutschland. Dieser interreligiöse Dialog sei keine Saisonleistung, er gehöre vielmehr zum Wesen der Religionen, postulierte er zum Abschluss seiner geschichtlichen Analyse.

Am Abend wurde wieder die online-Verbindung zu Dr. Koloska nach Ramallah hergestellt, die nun über gewachsene Beziehungen bzw. gemeinsames Leben von Muslimen und Christen in Palästina und in Israel sprach. Sie betonte dabei die Notwendigkeit einer Friedensvision angesichts des unfassbar gewordenen menschlichen Leids im Kontext des Krieges in Gaza.

Am Sonntag hat die Bonner Islamwissenschaftlerin Melanie Miehl die Entstehung, Entwicklung und Praxis der muslimischen Notfallbegleitung aus dem christlich-muslimischen Dialog heraus erörtert. Diese in der Gesellschaft hoch angesehene Institution ist eine Hilfe für Menschen in Notfallsituationen und gleichzeitig eine Umsetzung der gewachsenen interreligiösen Beziehungen ins praktische Handeln.

Die Gäste lobten im abschließenden Gespräch die Vielfalt der besprochenen Themen und die Qualität des Tagungspersonals. Eine besondere Würdigung fand dabei auch die Heilige Messe vom Sonntag, in der Impulse der Tagung aufgenommen und gedanklich fortgeführt wurden: „Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen“, lautete der einer persischen Geschichte entnommene Hauptgedanke der Predigt. Am besten gemeinsam, möchte man hinzufügen – z.B. bei einer Tagung auf der HEGGE!