Vom 6. bis 8. Februar tauchten unsere Gäste in die Welt der orthodoxen Kirchen im Osten und Südosten Europas ein. Unter den Stichworten Tradition und Transformation wurden aktuelle Entwicklungen der Orthodoxie in unserer Nachbarschaft dargelegt, erklärt und diskutiert.
Einen Teil der sehr gesprächsfreudigen Gruppe der Teilnehmenden zählten bildeten Mitglieder eines Kasselaner Familienkreises, der alle zwei Jahre die HEGGE als Begegnungsort aufsucht. Als externe Dozenten/Dozentinnen wurden erfahrene und namhafte Personen aus den Bereichen Wissenschaft und Ökumene eingeladen.
Dr. Johannes Oeldermann eröffnete die Tagung mit einer Einführung in die Vielfalt der Kirchen des christlichen Ostens als eine fremde und zugleich faszinierende Welt. Diese Welt kann sehr unterschiedlich wahrgenommen und eingeteilt werden – z.B. auf drei Kulturräume, vier Konfessionen oder auch fünf Ritusfamilien. Die Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser Einteilungen sind durch komplexe geschichtliche Entwicklungen begründet und machen einem Außenstehenden die Dynamiken und Verflechtungen innerhalb der Orthodoxie nur schwer nachvollziehbar. Neben einer kognitiven Auseinandersetzung mit der Vielfalt der Kirchen ist daher eine persönliche Begegnung mit orthodoxen Christinnen und Christen von entscheidender Bedeutung, betonte der Referent zum Abschluss seiner Ausführungen. Gelegenheiten dazu gebe es in Fülle und Hülle, denn die orthodoxen Gemeinschaften in Deutschland wachsen aus den vorhandenen Infrastrukturen heraus und erhalten hier und da ein Gastrecht in evangelischen wie katholischen Gemeinden.
Am ersten Abend wurde die Welt der Orthodoxie etwas anschaulicher. Der Tagungsleiter Damian Lazarek berichtete der Gruppe von den Ergebnissen eines Experiments, einige Ikonen der HEGGE-Gemeinschaft mithilfe textgenerierender künstlicher Intelligenz begreifen und beschreiben zu lassen. An vier im Vortragsraum ausgestellten Ikonen zeigte er auf, wie gut die Algorithmen der KI die Ikonentradition zur Sprache bringen können. Sein Fazit lautete: Die KI kann als ein sehr wertvolles Werkzeug zum Verständnis der Machart, Inhalte, Symbolik und Bedeutung der Ikonen angewandt werden. Sie greift aber auch gern auf vertraute Muster zurück, so dass ihre sehr fachlich klingenden Formulierungen immer mit etwas Skepsis gelesen und nicht ohne fachliche Überprüfungen weitergegeben werden sollten. Eine Ikonen-Erforschung mit der KI ist dennoch faszinierend. „Ikonen sind keine Fenster zur Vergangenheit, sondern Tore zur Gegenwart des Heiligen.“ Dieser KI-generierten Behauptung kann man nur zustimmen, hielt der Referent fest.
Der Samstag begann mit handfester Textarbeit. Unter der Leitung von Prof. Jennifer Wasmuth aus Göttingen wurden in drei Gruppen zwei Texte gelesen und diskutiert: Ein Text zur Sozialkonzeption der Russischen Orthodoxen Kirche und ein gemeinsamer Text orthodoxer Kirchen zum ihrem Sozialethos. Beide Konzepte wurden im Hinblick auf den von Russland geführten Krieg in der Ukraine erörtert. Stückweise waren die Teilnehmenden verstört über die Aufnahme und Ausführung des Gedankens von einem „gerechten Krieg“ in der Russischen Orthodoxie und fragten sich, wie man angesichts dieser Haltung noch Dialog führen kann. Die in der Ökumene erfahrene Referentin erzählte von kleinen Gesprächsformaten, an denen festgehalten wird, da sie viel Potential für künftige Entwicklungen haben. Insgesamt gebe es aber gegenwärtig eine Tendenz zur Spaltung und Vereindeutigung (= Verlust der Mehrdeutigkeit) in der Welt der Orthodoxie.
„Die Russische Orthodoxe Kirche spielt gegenwärtig eine Rolle in Politik und Gesellschaft, die wir nicht mehr für möglich gehalten hatten“. Mit diesem Satz begann die sehr aufschlussreiche Analyse von Prof. Regina Elsner zu aktuellen Entwicklungen innerhalb der größten orthodoxen Glaubensgemeinschaft am Nachmittag. Die Referentin machte deutlich, wie wichtig das Verständnis der politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen in den 90er Jahren für diese Entwicklungen ist. Die Religion ist nach dem Wegfall vieler sinnstiftender Narrative aus der Sowjetzeit zu einer Ersatzideologie geworden und die imperiale Identität wurde zum Garanten für den Schutz des Glaubens. Die Referentin konnte aber auch von oppositionellen Gruppen und Äußerungen im kirchlichen Kontext zu berichten. Im weiteren Verlauf des Nachmittags erörterte Prof. Elsner anhand von vier Beispielen (Belarus, Estland, Lettland, Ukraine) wie unterschiedlich die teilweise unabhängigen orthodoxen Kirchen das Verhältnis zum eigenen Staat und die Zugehörigkeit zum Moskauer Patriarchat in der Praxis gestalten. Am Abend wurden anhand von zwei Texten das Spannungsverhältnis innerhalb der Orthodoxie und das nahezu verzweifelte Bemühen um eine gemeinsame Sprache der orthodoxen Kirchen angesichts des Kriegsgeschehens in der Ukraine unter der Leitung von Prof. Elsner in der Gruppe diskutiert.
Am Sonntag stand ein etwas erfreulicheres Thema auf dem Programm – der ökumenische Dialog zwischen der katholischen Kirche und den orthodoxen Kirchen. Dr. Oeldemann zeichnete die geschichtliche Entwicklung der Beziehung zwischen den Kirchen im Osten und im Westen in vier Phasen auf: Kirchengemeinschaft (1.-5. Jh.), Entfremdung (5.-13. Jh.), Konfrontation (13.-19. Jh.) und Wiederannäherung (20.-21. Jh.). Mehrere einzelne Vereinbarungen und Erklärungen wurden vorgestellt, darunter die Wiener Christologische Formel, welche die Überwindung vieler strittiger Punkte und das Beilegen historischer Verwerfungen markieren. Entscheidend ist dabei der Wille, aufeinander zuzugehen und ein Verständnis für die Position des anderen zu entwickeln, auch wenn am Ende eine „logische Widersprüchlichkeit“ in der gemeinsamen Erklärung stehen bleibt. Neue, sehr aktuelle Impulse aus Rom wie das Studiendokument zur Rolle des Bischofs von Rom in der Ökumene machen Hoffnung auf noch mehr Gemeinsamkeit in der kirchlichen Praxis in der Zukunft.
In der Abschlussrunde dominierte das Stichwort „Vielfalt“ – Vielfalt der Kirchen, Vielfalt der Entwicklungen, Vielfalt der Positionen und nicht zuletzt eine thematische Vielfalt während der Veranstaltung. Auch die Dankbarkeit für die Einführung in die fremde und doch so bedeutungsvolle Welt der Ikonen wurde mehrfach zum Ausdruck gebracht. Als eine Folgeveranstaltung wurde ein Seminar zur Instrumentalisierung der Religion durch die Politik vorgeschlagen.









