
Auch in diesem Herbst, vom 14.-18. September, versammelten sich 25 neugierige, aufgeschlossene und gut gelaunte Bibelschüler:innen auf der HEGGE.
Die diesjährige Bibelschule stand unter dem Thema „Judasbilder“ und widmete sich unter Leitung des Bibelexperten Prof. Dr. Reinhold Zwick der vielschichtigen, bis heute kontrovers diskutierten Gestalt des Judas Iskariot. Im Mittelpunkt standen die unterschiedlichen Profile des Judas in den Evangelien sowie die Wirkungsgeschichte des Judas, seine Dämonisierung und seine antijüdischen Folgen.
Zum Auftakt wurde in das Seminarthema eingeführt. Judas erscheint in der christlichen Überlieferung meist als derjenige, der Jesus verrät. Zugleich ist seine Gestalt keineswegs eindimensional. Zwischen Verräter, Jünger, tragischer Figur, Werkzeug eines göttlichen Plans und möglicherweise missverstandenem Zeugen eröffnen sich zahlreiche Deutungsmöglichkeiten.
Am zweiten Seminartag wurden die Darstellungen des Judas in den Evangelien nach Markus und Matthäus betrachtet. Im Markusevangelium wird Judas vor allem als derjenige vorgestellt, der Jesus ausliefert. Seine Motive bleiben weitgehend offen. Dadurch entsteht eine gewisse Leerstelle, die Raum für unterschiedliche Interpretationen lässt. Das Matthäusevangelium gestaltet die Figur ausführlicher. Hier treten die Zahlung von dreißig Silberstücken, die Reue des Judas und sein tragisches Ende deutlicher hervor.
Der Vergleich zeigte, dass Judas nicht in allen Evangelien in gleicher Weise gezeichnet wird. Je nach Perspektive verändert sich auch die Bewertung seiner Person.
Am Dienstag Nachmittag wurde die Beschäftigung mit Judas zugunsten einer Exkursion nach Paderborn unterbrochen. Der Ausflug zur Glasmalerei Peters in Paderborn bot den Teilnehmenden eine hochinteressante Führung durch die Werkstatt. Dabei erhielten sie durch Dorothea Peters spannende Einblicke in die verschiedenen Arbeitsbereiche der künstlerischen Gestaltung mit Glas sowie in die Restaurierung historischer Kirchenfenster. Bei Kaffee und Kuchen konnten die Eindrücke anschließend vertieft werden, bevor Wilhelm Peters in einem informativen Vortrag den Mehrwert der Kunst herausarbeitete und dabei weitere Einblicke in die Geschichte und Arbeit des Unternehmens gab.
Am Mittwoch früh kehrte die Gruppe zum Seminarthema zurück. Der Vormittag widmete sich den Evangelien nach Lukas und Johannes. In diesen Schriften wird die Gestalt des Judas in besonderer Weise zugespitzt. Vor allem im Johannesevangelium wird die Verbindung zwischen Judas und dem Bösen beziehungsweise dem Teuflischen ausdrücklich hervorgehoben. Dadurch wird Judas nicht nur als handelnder Mensch, sondern zunehmend als Werkzeug einer zerstörerischen Macht dargestellt.
Im Vergleich der Evangelien wurde deutlich, wie sich die Darstellung des Judas von einer ambivalenten und in Teilen offenen Figur hin zu einer stärker dämonisierten Gestalt entwickeln kann. Diese Entwicklung hatte weitreichende Folgen für die christliche Wirkungsgeschichte. Judas wurde im Laufe der Jahrhunderte häufig zum Inbegriff des Verrats und des Bösen. Die damit verbundene negative Symbolik wirkte sich nicht zuletzt auf die Wahrnehmung jüdischer Menschen und des Judentums aus.
Im Anschluss an die thematische Arbeit fand am Mittwoch Nachmittag die Vorführung des Spielfilms „Histoire de Judas“ statt. Der Film von Rabah Ameur-Zaïmeche aus dem Jahr 2015, eine algerisch-französische Produktion, wurde in der Originalfassung mit englischen Untertiteln gezeigt.
Der Film eröffnet einen eigenständigen Zugang zur Judasfigur. Judas wird nicht als Verräter dargestellt, sondern als engster Freund Jesu und sein Beschützer.
Im anschließenden Filmgespräch wurden die Eindrücke der Teilnehmenden gesammelt und diskutiert. Im Mittelpunkt standen die ungewohnte Perspektive des Films, die starken Bilder und Landschaften, die Darstellung der Beziehung zwischen Jesus und Judas sowie die Frage, welche anderen Akzente der Film gegenüber den biblischen Texten setzt.
Am vierten Tag wurde das apokryphe „Evangelium des Judas“ vorgestellt. Dieser Text unterscheidet sich deutlich von den kanonischen Evangelien und entwirft wieder ein anderes Bild des Judas. Im „Evangelium nach Judas“ erscheint Judas nicht primär als Verräter, sondern als Jesu bevorzugter und verständnisvollster Jünger.
Jesus weiht ihn als Einzigen in die „Geheimnisse des Reiches“ ein, weil die übrigen Jünger seine wahre Natur nicht begreifen. Judas’ Auslieferung Jesu wird als von Jesus gewollter Auftrag dargestellt: Sie soll die Kreuzigung ermöglichen und dadurch Jesu geistige Befreiung aus dem Körper herbeiführen. In diesem Sinn wird Judas’ Tat zu einer heilsgeschichtlichen Handlung, nicht zu einem bloßen Verrat aus Geldgier.
Allerdings ist seine Darstellung nicht uneingeschränkt positiv. Jesus kündigt an, dass Judas von späteren Generationen verflucht werden wird und großes Leid erfahren muss. Er ist also zugleich der eingeweihte, treue Jünger und die tragische Figur, die wegen ihres Auftrags für immer als Verräter gelten wird.
Die Beschäftigung mit dem apokryphen Evangelium machte erneut deutlich, dass die Judasüberlieferung nicht einheitlich ist.
Am Donnerstagabend wurde der Theatermonolog „JUDAS – Eine Art Rechtfertigung“ von Lot Vekemans in der HEGGE-Kapelle aufgeführt. Das 80-minütige Gastspiel verleiht Judas, überzeugend verkörpert von dem Schauspieler Johannes Brinkmann, selbst eine Stimme und lässt ihn aus seiner eigenen Perspektive auf die Ereignisse zurückblicken.
Durch die monologische Form entstand eine unmittelbare und persönliche Begegnung mit der Figur. Judas wird nicht nur von außen beurteilt, sondern erhält Gelegenheit, seine Geschichte zu erzählen, Fragen zu stellen und sich gegen einseitige Zuschreibungen zu wehren. Das Theaterstück verschiebt damit die Perspektive: Nicht allein die Frage „Was hat Judas getan?“ steht im Mittelpunkt, sondern auch die Frage „Warum hat er es getan?“
Es wird das Bild eines Menschen gezeichnet, der Jesus geliebt hat, aber tief enttäuscht darüber war, dass Jesus nicht die Veränderung der politischen Verhältnisse brachte, die Judas sich erhofft hatte. Es entsteht das Bild eines Menschen, der nicht zögerlich zuschaut, sondern zupackt, der Verantwortung übernimmt – auch dafür, über Jahrtausende die Schuld zu tragen.
Die Aufführung bildete eine eindrucksvolle Verbindung zwischen biblischer Überlieferung, theologischer Reflexion und zeitgenössischer Kunst. Sie machte spürbar, wie lebendig und herausfordernd die Judasfrage bis heute ist.
Am letzten Tag fand eine Gesprächsrunde mit Johannes Brinkmann, dem Darsteller des Gastspiels, statt. Die Teilnehmenden konnten Fragen zur Inszenierung, zur Erarbeitung der Rolle und zum Verständnis des Monologs stellen. Dabei wurde erneut deutlich, dass die Figur des Judas unterschiedliche Reaktionen hervorruft: Ablehnung, Mitleid, Faszination, Unverständnis und die Bereitschaft zu einer Neubewertung.
Im anschließenden Seminarabschluss wurden die wichtigsten Eindrücke der Bibelwoche zusammengetragen. Die Teilnehmenden reflektierten die unterschiedlichen Judasbilder in den Evangelien, im apokryphen „Evangelium des Judas“, im Film und im Theaterstück. Besonders deutlich wurde, dass Judas nicht auf die Rolle des Verräters reduziert werden kann. Seine Figur berührt grundlegende Fragen menschlicher Existenz: Wie frei ist ein Mensch in seinem Handeln?
Die Bibelschule „Judasbilder“ eröffnete vielfältige Zugänge zu einer der rätselhaftesten Figuren der christlichen Überlieferung. Der Vergleich der Evangelien zeigte, dass Judas bereits im Neuen Testament unterschiedlich dargestellt wird. Die Beschäftigung mit dem apokryphen Evangelium, dem Film „Histoire de Judas“ und dem Theaterstück „JUDAS – Eine Art Rechtfertigung“ erweiterte diese Perspektiven um alternative und zeitgenössische Deutungen.
Als besonders wichtig erwies sich die kritische Auseinandersetzung mit der Dämonisierung des Judas und ihren antijüdischen Folgen. Die Bibelwoche machte deutlich, dass die Frage nach Judas nicht nur eine Frage nach einer Gestalt der Vergangenheit ist. Sie fordert dazu heraus, über den eigenen Umgang mit Schuld, Ausgrenzung und Vergebung nachzudenken. Judas bleibt eine schillernde und ambivalente Figur – gerade deshalb bietet seine Geschichte bis heute Anlass zu theologischer, gesellschaftlicher und persönlicher Reflexion.

















