21 Bildende Künstler*innen aus 5 Bundesländern trafen sich vom 8.-10. Mai 2026 auf der HEGGE. Thema war der Schönheitsbegriff, die wandelbare Kategorie der „Schönheit“ bzw. ihre Paradoxie, etwas provokanter: „Schrecklich schön“:
Am Freitag Abend sprach zum Einstieg der Attraktivitätsforscher Dr. Johannes Krause von der Universität Düsseldorf zu sozialen Wirkungen physischer Attraktivität. Er legte dar, dass es festgelegte, empirisch nachweisbare Komponenten physischer Attraktivität gibt. Die soziologischen Befunde belegten in ernüchternder Weise, wie sehr Menschen in Westeuropa stereotypen, normierten Schönheitsidealen verhaftet sind. In der Diskussion wurde deutlich, dass es eine Aufgabe der Kunst ist, diese Idealisierungen und Schönheitsnormen aufzubrechen. Eine Frage aus der Diskussion: Gibt es eine Attraktivität des Arguments?
Am Samstag Vormittag sprach der Philosoph Prof. Dr. Magnus Schlette. Sein Thema lautete: „Schrecklich schön oder schön schrecklich? Zur ästhetischen Selbstinszenierung politischer Herrschaft“. Er stellte zunächst klar, dass etwas Schönes nicht schrecklich sein kann, dass etwas Schreckliches nicht schön sein kann. Schön könnte lediglich die Darstellung des Schrecklichen sein.
Sodann verwies Schlette auf die Paradoxie der Begriffe von Schönheit und Schrecken, die sich bei Kant im Begriff des „Erhabenen“ als nicht unvereinbar erwiesen.
Kant habe in der Natur das Erhabene gesehen. So sei ein Gebirgsfluss einerseits schön, aber auch beklemmend, da er gefährlich und bedrohlich sei. Das Erhabene teile Kant in das mathematisch Erhabene und das dynamisch Erhabene. Ersteres sei das „schlechterdings Große“ (also nicht beliebig). Das Dynamisch Erhabene dagegen sei etwas, was der Betrachter in „Vorfindliches“ hineinsehe und damit sein eigenes Gefühl in das empirisch Wahrnehmbare übertrage. So könne Natur als unbezwingbar „erlebt“ werden. Für Kant sei, so Schlette, aber der menschliche Verstand das einzig Unbezwingbare. Seine Ausführungen macht Schlette am Beispiel der Bilder „Wanderer über dem Nebelmeer“ von C.D. Friedrich (1818) und „Finsteraar Gletscher“ von Capar Wolf (1774) greifbar.
Friedrich zeige einen Wanderer, der sich dem Erhabenen entgegenzustellen scheine. Der Wanderer schaue „erhaben“ auf die Nebellandschaft „herab“ kraft seiner Vernunft. Im zweiten Bild seien die Wanderer wie eine Störung in der erhabenen Natur.
Nach dieser Einführung begann Schlette die Überlegungen zum Erhabenen mit politischer Herrschaft zu verbinden. Frage: Was ist die politische Funktion von Ästhetik? Auch hier gibt es zunächst einen kleinen Exkurs. Nach Max Weber sei politische Herrschaft auf Gehorsam angewiesen, der nie ganz erzwungen werden könne, sondern Herrschaft müsse sich auch im Interesse der Beherrschten zeigen. In der Demokratie hätten die Beherrschten Vertrauen, dass es im Allgemeinen fair zugehe und Herrschaft dem Allgemeinwohl diene. Bei einer neuen Herrschaft brauche es deshalb einen Vertrauensvorschuss. Deshalb brauche es in dieser Zeit charismatische Herrschaft. In Demokratien löse sich der Legitimationsglaube nach und nach von charismatischen Persönlichkeiten, es entstehe z.B. Verfassungspatriotismus.
Charismatische Herrschaft, so Schlette, sei fragil; die Herrschaft müssten die Beherrschten deutlich als positiv und hilfreich empfinden und deshalb komme hier die ästhetische Inszenierung von Macht ins Spiel.
In Delacroix´ Bild „La Liberté guidant le people” sei die Freiheit konkret in das Bild der Marianne übersetzt worden, einer Figur, die in einer Aura von Unversehrtheit nach vorn stürme und bereit sei, sich zu opfern. Diese Allegorie sichere stabile Gefolgschaft, denn die Erhabenheit der Idee ergreife den Betrachter des Bildes.
Die Ästhetik des Führerkultes zeige auch die Darstellung des Siegeszuges einer Idee, aber die Verwirklichung dieser Idee hänge nur von einem Menschen ab.
M.L. King sei eine Inszenierung „wider den Führerkult“ gewesen. Er sei als Repräsentation des Erhabenen gezeigt worden. Nicht er sei erhaben, sondern die Idee der Gleichheit. Dieser Modus der Vergegenwärtigung sei eben nicht die Verkörperung einer bestimmten Person.
Zum Schluss wirft Schlette mit den Teilnehmenden einen Blick auf das Bild von Trump als der heilende Jesus. Wozu dient dieses Bild? Illegale Herrschaft brauche permanente Erzeugung von besonderen Ereignissen, um charismatische Herrschaft zu ermöglichen (wobei charismatisch zunächst ein neutraler Begriff sei, die Herrschaft aber zum Guten oder Schlechten genutzt werden könne).
Trump sei, so Schlette, in dieser Darstellung eine „Kippfigur“. Einerseits widerspreche diese Darstellung dem Erhabenen, denn sie habe parodistische Elemente, aber keine transformierenden Elemente (Trump = Jesus). Zudem brüskiere Trump mit dieser Darstellung seine christlichen Anhänger. Andererseits erhebe sich Trump mit dem Bild über moralische Prinzipien, über jede Anhängerschaft (sein Feindbild sei fluide, es sei austauschbar). Das wiederum könnte aber auch zu Respekt bei Trumps Gegnern führen. Trump zeige sich hier „erhaben“ im Sinne von „unbezwingbarer Macht“ – aber diese Macht werde (im Sinne des dynamischen Erhabenen) in Trump hineingedeutet.
So konnten die Teilnehmenden viel über das Erhabene und die ästhetische Inszenierung von politischer Macht aus dieser Einheit mitnehmen und wurden für die Manipulation der Betrachtenden bei der Inszenierung von Führerkult sensibilisiert.
Am Samstag Nachmittag sprach der Künstler und KI-Experte Nils Pooker aus Kiel: Er zeigt einerseits, wie sich mithilfe der KI Bilder generieren lassen und welche weitreichenden Möglichkeiten sich durch die KI bieten. Andererseits zeigte er kritisch auf, dass KI-generierte Bilder häufig „ästhetische Überinszenierungen des Erwartbaren“ sind. Er sprach von einer „Überwältigung“ und „Überästhetisierung“ durch die KI. Auf die Frage aus dem Teilnehmerkreis, wie man als bildender Künstler nachweisen kann, dass man keine KI verwendet habe, antwortete Pooker: „Während der Entstehung des Werkes die verschiedenen Stationen festhalten und nachweisen. Der Beleg für die Authentizität ist die Genese.“ Die KI hat keine Genese, kennt keine Entwicklung, keinen Entstehungsprozess, keinen Widerstand, keine Erschöpfung. Die KI scheitert auch nicht. Die KI hat – im Gegensatz zu Menschen – auf alles eine Antwort.
Am Samstag Abend stand der gemeinsame Rundgang durch die Ausstellung mitgebrachter Kunstwerke auf dem Programm. Es war eine kleine, aber sehr qualitätvolle Werksammlung, und es kam zu vielen Gesprächen.
Sonntag Vormittag sprach die chinesisch-deutsche Kunstwissenschaftlerin PD Dr. Zhuofei Wang von der Kunsthochschule Kassel und gab eine buddhistische Perspektive auf das Thema. Während wir in der abendländisch-westlichen Welt von Schönheit sprechen wie von einem Gegenstand, der vor uns liegt wie ein Buch oder ein Tisch, geht die buddhistische Weltanschauung davon aus, dass sich Schönheit ereignet. Die Frage ist: Wo geschieht Schönheit? In der Kunst geht es um Begegnung. Schönheit ist ein Prozess, der nie abgeschlossen ist. Schönheit ereignet sich nicht unbedingt dort, wo die Welt „heil“ ist, sondern dort, wo sie gebrochen ist.
Dr. Wang erörterte diese Auffassung u.a. anhand der japanischen Kunst des Kintsugi, bei der zerbrochene Keramik mit Gold repariert wird, wobei die Bruchstellen nicht verborgen, sondern hervorgehoben werden. Diese Technik spiegelt eine Philosophie wider, die die Schönheit im Unvollkommenen und Vergänglichen betont und seine Geschichte würdigt.
Es war eine durchgängig inspirierende Künstlertagung mit lebendigen, teils kontroversen Diskussionen.
Besonderer Dank galt neben den Referenten vor allem Dr. Holger Brülls für seine anregende und stets weiterführende Gesprächsleitung, die auch vor gedanklichen Abgründen nicht zurückschreckt.























